Gefangen im Kopf eines Affen!

Buchtipp #4 "Sprich mit mir" von T. C. Boyle

Mann hält Buch "Sprich mit mir" von T. C. Boyle mit dem Gesicht eines Affen auf dem Cover vor sein Gesicht.

Studentenwohnheim, Kalifornien, alleine. Eigentlich sollte Aimee ihre Aufgaben erledigen und lernen, schliesslich will sie mit ihrem Studium in Frühpädagogik den Weg als Lehrerin betreten. Doch sie verliert sich – die gekochten Fertig-Ramen in den Händen haltend und gemächlich auf dem Sofa sitzend – im Sog des Fernsehers; ein Professor mit einem Affen hat es ihr angetan. Verwundert mit offenem Mund, eine Nudel baumelt ihr von der Lippe, bestaunt sie den Affen – nein, den Schimpansen –, und folgt seinen Erläuterungen. Der spricht mit ihm!

«Wir suchen studentische Hilfskräfte für ein Pflegeprojekt, keine Erfahrung erforderlich, 10-20+ Wochenstunden – Guy Schermerhorn», liest sie danach am Aushang an der Universität. Das ist doch der Professor aus dem Fernsehen! Kurze Zeit später hat sie einen Schimpansen im Arm, der sich gerade davonmachen wollte.

T. C. Boyle schickt seine Leserinnen und Leser in seinem diesjährig erschienenen Roman «Sprich mit mir» auf die turbulente Entdeckungsreise von Aimee, der Studentin, und Sam, dem «sprechenden» Schimpansen. Wissenschaft und Wirtschaft treffen zähnefletschend aufeinander und finden in einem tierischen Bewusstsein ihren Fluchtpunkt.

Buchcover von "Sprich mit mir"

Überraschend. Was haben SCHWARZE KÄFER mit dieser Geschichte zu tun? Scheinbar so einiges, denn beim Lesen verfolgt man nicht nur Aimee, sondern versetzt sich ebenfalls in die Gedanken von Sam hinein, einem Schimpansen, der die Gebärdensprache beherrscht. Vorerst verwirrend überzeugten mich die Darstellungen nach kurzer Zeit. Der Blick auf die Menschheit aus den Augen eines denkenden Tieres eröffnet eine selbstreflexive Ebene. Ethik und Moral werden dabei durch eine animalische Präsenz erweitert.

Realistisch. Wie bereits erwähnt, treffen in diesem Roman Wissenschaft und Wirtschaft kritisch aufeinander und stellen die Begrenzung wissenschaftlicher Möglichkeiten aufgrund finanzieller Einschränkungen oder Abhängigkeiten wirkungsvoll dar. Die Dringlichkeit wird während der Lektüre durchaus evident und begleitet die Erzählung bis zum Schluss. Durchaus gekonnt eröffnet T. C. Boyle seinen Leserinnen und Lesern eine unerwartete Perspektive auf die Thematik des Tierschutzes.

Motivierend. Insbesondere die Figur von Aimee beeindruckte mich und liess mich das Buch nicht aus den Händen legen. Ihre anfängliche Schwerfälligkeit entwickelt sich durch das Betreuen und Zusammenleben mit Sam zu einem überzeugenden Enthusiasmus, der ansteckend wirkt.

Erzählerisch. T. C. Boyle kann Erzählen! Dies ist durchaus keine bahnbrechende Feststellung, wenn man seine vergangenen Werke bereits kennt. Er führt seine Leserinnen und Leser mit ausdrucksvoller Sprache durch die Geschichte und fordert sein Publikum gleichzeitig dazu auf, über ein heikles Thema nachzudenken.

Dringende Leseempfehlung für Tierliebhaber, Nachdenker und alle, die vor einem Affentheater nicht zurückschrecken.

Meine wöchentlichen Stationen führen mich an faszinierende Orte der Nordwestschweiz, drei Kantone darf ich als Zufluchtsorte (oder einfach als Arbeits- und Wohnorte) bezeichnen. Meine Woche beginnt in Basel, das Studium in Germanistik und Geschichte an der Universität erfordert meine vollste Aufmerksamkeit; nächster Halt ist das stets sonnige (lies: neblige) Solothurn, wo ich mich tagsüber bei Pro Senectute für das Alter engagiere. Meine Abende und Wochenenden verbringe ich in Laufen, Kanton Baselland, Pufferzone zwischen den zwei Städten und der Ort, den ich mein wohliges Zuhause nennen darf. Eines haben alle Stationen gemein: sie werden jeweils mit einem Buch in der Hand erreicht, reissen mich aus der fiktiven Welt, sobald die Durchsage erklingt – «Nächster Halt Basel, Solothurn, Laufen».

Der Pro Senectute Buchtipp erscheint in einem dreiwöchigen Rhythmus, behandelt aktuelle Neuerscheinungen sowie Bücher, die auch nach Jahren noch zu überzeugen wissen. Ob Schweizer oder internationale Autorinnen und Autoren, lassen Sie sich in fremde Welten entführen; ich freue mich auf Ihre Anregungen oder Beitragswünsche.