Aus dem Leben eines Feigenbaums

Buchtipp #7 «Das Flüstern der Feigenbäume» von Elif Shafak

Buch "Das Flüstern der Feigenbäume" von Elif Shafak auf hölzernem Untergrund.

Zypern 1974, ein Land und eine Liebe werden aus der Bahn geworfen. Elif Shafak erzählt in ihrem Roman «Das Flüstern der Feigenbäume» aus dreifacher Perspektive. Aus der Gegenwart, der Vergangenheit und der scheinbar unendlichen Erfahrung eines Baums. «Mal etwas anderes», dachte ich mir, als ich das Buch zum ersten Mal zu Händen nahm und anfing zu blättern. Auf die turbulente Fahrt, die sich schlussendlich in diesem Roman ergibt, war ich kein bisschen vorbereitet. Elif Shafak löst die Geschichte durch Schichten auf, mal etwas aus der Gegenwart, ergänzt durch die Vergangenheit und jeweils mit einem passenden Kommentar durch einen wurzelschlagenden Erzähler versehen, der Lesenden einen tieferen Einblick in die sich langsam entfaltenden Geschehnisse gewährt. Zypernkonflikt, Liebe und Tod, Auswanderung und das Überwintern eines Feigenbaums – Shafak verknüpft verschiedene Themen gekonnt in einem Gesamtwerk, dessen historische Fakten, liebevollen Momente und erschreckenden Ereignisse stets in meinem Kopf widerhallen.

Buchcover von "Das Flüstern der Feigenbäume". Blaue Reliefs von zwei aufeinander schauenden Gesichtern mit grüner Pflanze in der Mitte.

Persönlich. Es ist immer wieder ein Genuss, wenn es Autorinnen und Autoren schaffen, ihre Personen durch individuelle Charaktere und Verhaltensweisen zum Leben zu erwecken und man vollkommen in dieser Geschichte versinken kann. Shafak erreicht dies in diesem Roman meisterlich. Jede Person erhält ihre eigene Identität, Ecken und Kanten werden akzeptiert, tiefe Abgründe und schwindelerregende Höhen zelebriert.

Enthüllend. Manchmal lohnt es sich, etwas nicht von Beginn weg auszuplaudern. Ebenso verhält es sich in diesem Roman. Elif Shafak wählt bewusst die Momente, in denen ein Ereignis geschehen oder bisher Unbekanntes aufgedeckt wird. Die Fähigkeit, Erwartetes zu bestätigen sowie Unerwartetes wie einen Kometen einschlagen zu lassen, zählt zu den absoluten Highlights dieses Romans. Man fühlt sich wie auf einem Schiff, umgeben von Wasser, weit und breit kein Land in Sicht. Und plötzlich wird man von einer gewaltigen Welle erfasst.

Langsam. Langsam? Was soll das heissen? Da bin ich genau Ihrer Meinung, denn dies war mir während der Lektüre wahrscheinlich auch nicht bewusst. Der Roman benötigt etwas Zeit, um so richtig in die Gänge zu kommen. Wer jedoch das dafür nötige Sitzfleisch und den erforderlichen Schnauf dafür mitbringt, wird schlussendlich mit einer wunderbaren Liebesgeschichte belohnt, die durch historische Einblicke ins Zypern der 70er-Jahre und eine Rahmengeschichte zu Heimat und Auswanderung abgerundet wird. Bleiben Sie dran, es lohnt sich definitiv!

Dringende Leseempfehlung für Geduldige, Schwärmende und diejenigen, denen bei der Nennung von Feigen das Wasser im Mund zusammenläuft.