Pandemie – ein steiniger Weg!

Buchtipp #3: "Über Menschen" von Juli Zeh

Bracken, Bundesland Brandenburg. Dora, Marketingspezialistin bei der Agentur «Sus-Y», flüchtet während der Corona-Pandemie vor einer grossen Stadt, einem verrückten Mann und einem drohenden Kollaps der Gesellschaft in ein Gutsverwalterhaus auf dem Land. Sie steht in ihrem Garten – ihr Eigentum, ihr Land – und verliert sich in sich selbst, in ihrem Drang nach Arbeit, in reinster Überforderung. «Ist das dein Hund?», nimmt sie nebenbei war und sucht nach der Quelle des Geräuschs und ihrer Hündin, die sich eben erst neben ihr befunden hat. Die Antwort auf ihre Fragen findet sie auf der anderen Seite der Mauer bei ihrem Nachbarn Gote durch den Ausruf «Hey! Ob das dein Scheissköter ist!» begleitet.

In ihrem neusten Roman «Über Menschen» entführt Juli Zeh ihre Leserinnen und Leser in eine fiktive Corona-Pandemie und eine kleine Dorfgemeinschaft, in welche sich ihre Protagonisten, Dora – begleitet von ihrer Hündin Jochen-der-Rochen –, versucht oder gezwungen sieht zu integrieren. Die progressive Städterin findet sich in einem See von Charakteren wieder, Gleich- und Andersdenkende fügen sich zu einem Ganzen zusammen.

Gegenwärtig. Von Beginn weg wird klar, dass sich Dora in derselben Situation befindet, in der wir uns ebenfalls seit bald zwei Jahren befinden. Die Corona-Pandemie hat Deutschland erreicht und treibt Dora aus der Stadt aufs Land, die Ruhe des kleinen Dorfes wird kontrastiert mit dem Hochstress-Alltag, den sie bis anhin erlebt hat. Der Fluch der reinen Leistungsgesellschaft verfolgt sie jedoch auf Schritt und Tritt: «Weitermachen. Nicht nachdenken.» Die ersten zwei Worte des Romans treffen den aktuellen Zeitgeist perfekt und erinnern mich daran, mal die Beine hochzulegen und auszuspannen.

Launisch. Ob exzentrisch, egoistisch, aufbrausend oder schüchtern, die Vielfalt der Persönlichkeiten im Roman scheint lediglich einen Würfelwurf entfernt und in einer Geschwindigkeit materialisiert, die das Lesen zum Genuss macht. Ich war fasziniert von der Komplexität und Einfachheit der Charaktere zugleich. Sie sind mir so vertraut, als könnte ich im Migros mit ihnen den Nachmittag verplaudern.

Verständnisvoll. Der Titel des Romans trifft den Nagel auf den Kopf. Dora findet sich nicht unter Gleichgesinnten wieder, die Vorstellungen und Erwartungen decken sich gegenseitig nicht. Trotzdem steht einem Miteinander nichts im Weg. Juli Zeh erinnert mich daran, dass zwischen schwarz und weiss ein weites Meer an Grautönen existiert und alle ihren Teil am Ganzen erfüllen.

Malerisch. Juli Zehs Schreibstil lässt nicht nur Figuren lebendig erscheinen. Beschreibungen von Orten, von Gegenständen und Situationen, in denen sich Dora öfters mal befindet, scheinen vor eigenen Augen zu geschehen. Die fliessende Sprache erschafft ein süffiges Werk, Seite für Seite schwindet dahin und hinterlässt bleibende Eindrücke.

Dringende Empfehlung für Gesellschaftsinteressierte, Plaudertaschen und solche, die Corona gerne mal aus anderen Augen betrachten wollen.

Meine wöchentlichen Stationen führen mich an faszinierende Orte der Nordwestschweiz, drei Kantone darf ich als Zufluchtsorte (oder einfach als Arbeits- und Wohnorte) bezeichnen. Meine Woche beginnt in Basel, das Studium in Germanistik und Geschichte an der Universität erfordert meine vollste Aufmerksamkeit; nächster Halt ist das stets sonnige (lies: neblige) Solothurn, wo ich mich tagsüber bei Pro Senectute für das Alter engagiere. Meine Abende und Wochenenden verbringe ich in Laufen, Kanton Baselland, Pufferzone zwischen den zwei Städten und der Ort, den ich mein wohliges Zuhause nennen darf. Eines haben alle Stationen gemein: sie werden jeweils mit einem Buch in der Hand erreicht, reissen mich aus der fiktiven Welt, sobald die Durchsage erklingt – «Nächster Halt Basel, Solothurn, Laufen».

Der Pro Senectute Buchtipp erscheint in einem dreiwöchigen Rhythmus, behandelt aktuelle Neuerscheinungen sowie Bücher, die auch nach Jahren noch zu überzeugen wissen. Ob Schweizer oder internationale Autorinnen und Autoren, lassen Sie sich in fremde Welten entführen; ich freue mich auf Ihre Anregungen oder Beitragswünsche.