Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit

Tagebuch einer Bewegungspatenschaft

2013

04. September: Man könnte fast sagen, dass uns das Schicksal zusammengeführt hat. Meine zukünftige Freundin – nennen wir sie Maria - lernte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Bewegungscoach bei Pro Senectute kennen. Zusammen mit einer Fachperson von Pro Senectute besuchte ich sie an ihrem Wohnsitz im Alterszentrum «Am Weinberg» in Grenchen. Maria erwartete uns zusammen mit ihrer Tochter. Ich denke, dass wir uns von Anfang an sympathisch waren. Auf die Frage, ob sie sich gemeinsame Treffen vorstellen könne, antwortete Maria mit den einfachen Worten: «Mir chöis jo mau probiere!»

09. September: Heute starteten wir unsere wöchentlichen Treffen. Die gemeinsame Zeit dokumentierte ich fortan in meinem Schatzbuch. So konnte ich nachlesen, dass es Maria zu diesem Zeitpunkt nicht sehr gut ging. Sie teilte mir mit, dass ihr Herz nicht mehr das stärkste sei. Aus diesem Grund mussten wir unseren Spaziergang kurz halten und einige Ruhepausen einlegen. Sobald wir Marias Zimmer wieder erreicht hatten, sagte sie mir: «Dir sit e Schatz!» Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass wir gut zueinander passen.

16. September: An diesem Montag regnete es den ganzen Tag. Maria teilte mir mit, dass ein gemeinsamer Spaziergang im Regen nicht in Frage kommt. Wir verlagerten unser Treffen kurzerhand ins Auto und besuchten ein «Kafi» für das gemeinsame «Zvieri». Erfreulicherweise verbesserte sich Marias Gesundheitszustand kontinuierlich. So konnten wir unsere Spaziergänge an die Aare bei Arch verschieben. Diese Spaziergänge waren immer sehr schön. Wir haben gemeinsam gesungen und das schöne Wetter genossen. Schnell entstand der Ausdruck der «Montagsvagabunden».

Unsere Montagsrunden waren immer sehr gemütlich. Die Strecken variierten zwischen der Aare bei Arch, dem Wald oberhalb von Grenchen und dem Park des Parktheaters. Die Treffen endeten zu dieser Zeit oft im Back-Caffee Grenchen, wo wir gemeinsam einen Kaffee mit Vermicelle genossen. Den Rückweg zum Weinberg dehnten wir aus, so dass mir Maria ihre ehemalige Wohnung und ihren ehemaligen Arbeitsplatz zeigen konnte. Viel Gefallen fanden wir an der katholischen Kirche. Dieser Besuch bereitete ihr immer grosse Freude. Bevor wir die Kirche verliessen, zündeten wir jeweils eine Kerze an. Die Ausflüge in und um Marias geliebtes Grenchen waren ein Highlight.

Ich werde nie vergessen, wie Maria strahlte als sie mich sah. Sie war eine wirklich adrette Frau und stets vornehm gekleidet. Ihre Perlenkette durfte nie fehlen. Das fand ich sehr reizend.

30. September: Zusammen mit ihrem Mann begleitete ich Maria ans Herbstfest im Weinberg. Marias Mann lebte ebenfalls im Alterszentrum und war sehr liebenswürdig. Wir verbrachten gemeinsam einen gemütlichen Abend.

21. Oktober: Die Besuche der katholischen Kirche standen oft auf unserem Montagsprogramm. Einmal hatten wir grosses Glück. Wir kamen in den Genuss eines Orgelkonzertes mit Flöte. Die Musiker spielten nur für uns zwei. Wie immer zündeten wir beim Verlassen der Kirche eine Kerze für unsere Liebsten an.

02. Dezember: Wenn Maria Geburtstag hatte wurde ich an unserem nächsten Treffen zu einem besonderen Zvieri eingeladen. Im Flughafenrestaurant feierten wir ihren Geburtstag mit einem riesigen Vermicelle. Ab dem nächsten Treffen fand unser «Zvieri» im Migros statt. Lachsbrötli waren Marias neuer Favorit.

2014

17. März: Wir spazierten eine ganze Stunde entlang der Aare in Arch. Für Maria war das eine starke Leistung, die sie sehr stolz machte. Ab und zu war Maria weniger fit, weshalb wir unsere Tour ins Auto verschieben mussten. Das Zvieri am Ende unseres Treffen fand aber immer statt.

12. Mai: Meinen Geburtstag feierten wir standesgemäss im Flughafenrestaurant. Wenn es zu heiss war, verschoben wir unseren Spaziergang in den Wald oberhalb von Grenchen. Maria sagte dabei immer ganz stolz: «Gäu, das Gränche isch riesegross!»

14. Juli: An diesem Tag entdeckten wir ein neues Ziel für unsere Ausflüge, die Kapelle in Staad. Die wunderschönen Fenster beim Eingang liessen Maria nicht mehr los. Den Besuch in der Kapelle konnte man gut mit einem kurzen Spaziergang an der Aare verbinden.

21. Juli: Dieses Treffen verlief sehr turbulent. Als ich bei mir zu Hause losfahren wollte, konnte ich mein Auto nicht in Bewegung versetzen. Kurzerhand entschloss ich mich, das Auto meines Mannes auszufahren. Als wir beim Weinberg losfahren wollten, streikte auch das Auto meines Mannes. Glücklicherweise konnte uns der Hausmeister beim Überbrücken helfen. Da wir nicht anhalten konnten, machten wir eine Ausfahrt nach Solothurn und zurück.

Die Kapelle in Staad stand ab jetzt an erster Stelle auf unserer Liste der Ausflugsziele. Die Stille in der Kapelle gefiel uns sehr. Nachdem wir eine Kerze anzündeten, nahmen wir jeweils einen kurzen Fussmarsch in Angriff. Ich kann mich gut an einen Spaziergang erinnern, der etwas zu lange ausfiel. Auf meine Warnung, dass wir denselben Weg wieder zurücklaufen müssen, reagierte Maria nicht. Auf dem Rückweg kam sie an ihre Grenzen. Ich war sehr froh, als wir das Auto wohlauf erreicht haben.

01. September: Zur Feier unseres 50. Treffens spazierten wir um den Weiher in Bellach. Wir waren beide sehr stolz, dass wir diese Strecke gemeistert haben.

08. Dezember: Im Dezember besuchten wir die grosse St. Ursen-Kathedrale in Solothurn. Maria war sehr enttäuscht, dass die Krippe noch nicht aufgebaut wurde. So verschoben wir unseren Ausflug in die Jesuitenkirche und schlossen das Treffen mit einem Engelstee in der Suteria ab.

2015

15. März: Marias Tochter teilte mir mit, dass es ihr nicht gut ging. Ein Spitalaufenthalt war unausweichlich, was mich sehr traurig stimmte. Im April durfte ich Maria in der Klinik besuchen und kurz mit ihr auf dem Gelände spazieren. Ab dem 27. April konnten wir unsere Treffen wieder wie gewohnt durchführen. Maria war allerdings sehr schwach und wirkte müde.

15. Juni: Das Wetter war heute sehr schlecht. Maria wollte gerne nach Solothurn. In Biberist genossen wir ein Stück Schwarzwäldertorte. Auf dem Rückweg machten wir einen kurzen Abstecher, damit Maria mein Zuhause sehen konnte. Der Rückweg führte über die Rötibrücke in Solothurn, damit sie die St. Ursen-Kathedrale bestaunen konnte. Dieser Ausflug gefiel ihr sehr.

29. Juli: Maria hatte einen super Tag. Sie empfing mich bereits beim Lift, merkte, dass ich beim Coiffeur war, fragte nach, wie es meinen Söhnen geht und erinnerte sich an viele kleine Highlights unserer Treffen. Es war schön, sie so glücklich zu sehen.

Die Kapelle in Staad und das Lachsbrötli im Migros standen auch in diesem Jahr auf dem Pflichtprogramm. Als wir wieder zurückkehrten, wollte Maria oft noch ein Citro im Weinbergrestaurant trinken. Zurück in ihrem Zimmer war sie sehr froh, wenn sie sich wieder aufs Bett legen konnte. Manchmal wünschte sie, dass ich mit ihr fernsehe. Ich fand das immer sehr gemütlich und spürte, dass sie das schätzte.

2016

26. Januar: Das Jahr 2016 begann für Maria nicht gut. Sie stürzte und hatte blaue Flecken im Gesicht. Sie wollte trotzdem das Standardprogramm durchführen, was ich ihr nicht verneinte. Anfang Februar war sie sehr schwach und konnte nicht mehr weit gehen. Ab Mitte Februar konnten wir unser Programm wieder normal gestalten.

25. April: Dieser Tag war für mich sehr wichtig. Maria hat mit mir «Duzis» gemacht. Das hat mich sehr gefreut, denn Maria ist nicht eine Person, die das «Du» schnell anbietet. Für mich war dies eine Ehre. Ab jetzt waren wir richtige Freundinnen.

Das Standardprogramm veränderten wir bis Ende Jahr nicht, weshalb ich keine weiteren Ereignisse notiert habe.

2017

22. Mai: Ab heute fiel Maria das Laufen schwierig. Auch das Ein- und Aussteigen aus dem Auto war ein Hindernis. Aus diesem Grund ersetzten wir das Standardprogramm durch ein Glacé im Weinberg.

Ab Juli konnten wir wieder wie gewohnt spazieren gehen. Es ging abwechslungsreich weiter. In Abhängigkeit der Tagesform von Maria wagten wir die Ausfahrt nach Staad oder blieben im Weinberg.

27. November: Maria empfing mich plötzlich im Rollstuhl. Wir spazierten gemeinsam um den Weinberg bis zu den Kaninchen und genossen anschliessend ein feines Zvieri im Weinberg. Erst als Maria den Rollstuhl akzeptierte, konnte sie sich wieder richtig auf unsere Treffen freuen.

2018

Ab diesem Jahr bestand das Standartprogramm aus 2 Runden um das Weinberg. Beim Bänkli machten wir einen Zwischenhalt und genossen ein Sonnenbad, wenn das Wetter mitspielte. Das Treffen schlossen wir mit einem Glacé im Kafi ab.

3. April: Wir durften eine Modeschau im Weinberg bestaunen. Die Models waren die Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums. Die Musik war super, was mir und Maria grosse Freude bereitete. Maria war voll und ganz in ihrem Element. Sie klatschte und sang mit der Musik.

30. November: Ich durfte den Geburtstag von Maria zum ersten Mal mitfeiern. Sie lud mich an ihrem 88. Geburtstag ins Flughafenrestaurant ein. Es war wunderbar und ich war sehr glücklich, dass sie mich eingeladen hat.

2019

Unser Programm veränderten wir auch in diesem Jahr nicht. 2 Runden um das Weinberg und eine Glacé im Kafi.

27. Mai: Maria musste erneut ins Spital. Sie litt unter Nierenproblemen. Ich durfte sie bereits am 2. Juni besuchen. Sie war schon bald wieder zu Hause.

30. November: Maria lud mich erneut an ihr Geburtstagsessen ein. Sie war nun 89 Jahre alt. Dieses Ereignis feierten wir mit einem vorzüglichen Essen im Restaurant Fischerstübli in Altreu. Das Fest wurde von Marias Tochter organisiert. Sie machte das immer mit so viel Liebe. Maria hatte grosses Glück, eine so liebenswürdige Tochter zu haben, die ihr immer zur Seite stand. Als ihr Sohn ebenfalls am Fest erschien, war ihr Glück perfekt.

2020

Zu Beginn des Jahres blieb alles beim Alten. Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus wurde am 16. März von Pro Senectute abgeraten, Besuche durchzuführen. Auch das Weinberg stellte bald die Besuche ein. Erst am 18. Mai konnte ich Maria in der Besucherbox des Alterszentrums besuchen.

Ab dem 27. Mai durften wir uns mit einem Abstand von 2 Metern treffen. Aufgrund der Lockerungen konnten wir Mitte Juni wieder unser Programm aufnehmen. Ab diesem Zeitpunkt war alles wie gewohnt. Wir waren beide glücklich, dass unsere Spaziergänge und das gesellige Beisammensein wieder möglich waren. Einzig mit der Maskenpflicht konnte sich Maria nicht anfreunden. Sie meinte immer, dass ich sie abziehen soll. Bei ihrem 90. Geburtstag durfte ich nochmals mitfeiern. Maria genoss es sehr, im Mittelpunkt zu stehen. Ab dem 18. Dezember mussten die Besuche wieder in der Besucherbox stattfinden.

2021

1. Januar: Heute besuchte ich Maria zum 331. Mal. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass dies mein letzter Besuch war.

19. Februar: Ich wollte ich mich telefonisch für einen Besuch anmelden. Man teilte mir mit, dass es Maria nicht gut gehe. Am Abend rief mich ihre Tochter an und teilte mir mit, dass Maria von uns ging. Ich war leider zu spät.

Mit dem Tod von Maria geht für mich eine sehr schöne Zeit vorbei. Eine Zeit, in der ich jede Woche einem lieben Menschen mit einem Besuch viel Freude bereiten konnte. Ich erinnere mich gerne an ihre leuchtenden Augen, wenn wir uns begegneten. Manchmal hat sie ganz spitzbübisch geschmunzelt und gesagt: Gäu mir si d Montagsvagabunde. Zu den Bewohnern im Gang sagte sie oft stolz: So mir göh jetz. Sie wurde von einigen sehr beneidet, dass sie so viel besucht wurde. Manchmal wurde sie gefragt, ob ich ihre Tochter sei. Nein, ich sei ihre Freundin, entgegnete sie jeweils ganz glücklich. Ich hatte grosses Glück, dass ich Maria und ihre Familie kennenlernen durfte.

Ihre Tochter schrieb mir jeden Montagmorgen eine SMS und hat mir und Maria einen schönen Nachmittag gewünscht. Sie fanden immer einen Grund, mir mit wunderschönen Blumen oder kleinen Geschenken eine grosse Freude zu bereiten. Ich wurde sehr verwöhnt. Diese beiden Frauen waren immer wunderbar und haben mein Leben bereichert.

Eine schöne Zeit ist nun vorbei. Maria werde ich nie vergessen. Jeden Montagnachmittag denke ich an sie und unsere gemeinsame Zeit der Montagsvagabunden. An meinem Himmel leuchtet ein neuer Stern. Maria gehört nun zu meinen persönlichen Schutzengeln.

Danke liebe Maria